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Auf einem Podium mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik wurde kürzlich Bewunderung für chinesische Fünfjahrespläne geäussert. Das irritiert, denn staatliche Gesellschafts- und Wirtschaftsplanung ist nicht nur unmoralisch, sondern zum Scheitern verurteilt.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren? Diese Frage dürfte den meisten von uns schon mal begegnet sein. In einem Bewerbungsgespräch, in einem Persönlichkeitstest oder in einem Selbsthilfe-Buch.
In welche Richtung wollen wir uns in den kommenden vier oder fünf Jahren entwickeln? Mit dieser Frage befassen sich die meisten Organisationen. Viele nennen das Strategie, bei der öffentlichen Hand nennt man das gerne auch Legislaturplan.
Flexibilität und Anpassungsfähigkeit machen uns wohlhabend und glücklich
Es ist sehr sinnvoll, sich als Mensch und als Organisation von Zeit zu Zeit – vorgegeben durch einen selbstgewählten Zeitraum oder durch eine fix definierte Wahlperiode – zu überlegen, woran man in den kommenden Jahren arbeiten und welche Ziele man erreichen will. Sonst mäandriert man ziellos durch den Tag. Doch wir alle wissen: Sobald die Ziele verabschiedet sind, passiert das Leben mit all seinen Unwägbarkeiten und erfordert Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Hier kommt eine der grossen Stärken einer freien, liberalen Gesellschaft zum Tragen: Sie erlaubt ein ständiges Anpassen an veränderte Rahmenbedingungen und die entsprechende Verschiebung von Ressourcen. Sei das Geld, Personal oder Zeit. Dieser bewundernswerten Fähigkeit verdanken wir unseren Wohlstand und unser Glück.
Irritierende Bewunderung für chinesische Fünfjahrespläne
Das scheint zuweilen aus den Augen verloren gegangen zu sein. Kürzlich war ich als Zuhörer an einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion, die sich mit den aktuellen geopolitischen Herausforderungen befasste. Die Diskussion kam auf das gegenwärtig unausweichliche Thema künstliche Intelligenz zu sprechen, worauf mehrere Podiumsteilnehmer ihre Bewunderung für China und seine Fünfjahrespläne äusserten. Das irritierte mich zutiefst. Denn es liegt ein grosser Unterschied zwischen dem Ziel «Wir schaffen als Staat die besten Rahmenbedingungen, damit Unternehmen bei uns KI erfolgreich entwickeln können» und dem Ziel «Wir fokussieren die staatlichen und privaten Ressourcen darauf, bei KI weltweit führend zu sein». Letzteres bedeutet nämlich, die Menschen ihrer Entscheidungsfreiheit zu berauben, wofür sie ihre Zeit und ihr Geld einsetzen möchten. Es bedeutet die Unterordnung unter ein zentral vorgegebenes Ziel.
Diese staatliche Gesellschafts- und Wirtschaftsplanung ist nicht nur moralisch höchst fragwürdig, weil sie das Dasein und die Bedürfnisse des Menschen als selbstbestimmtes Individuum negiert und letztlich immer mit Zwang und Gewalt durchgesetzt werden muss. Ihr liegt auch stets derselbe Fehler zugrunde: Der Glaube daran, dass eine wie auch immer gestaltete Führung genau weiss, was getan werden muss.
China ist das Gegenmodell einer freien Gesellschaft
Man kann die grosse chinesische Geschichte und Tradition würdigen und sie faszinierend finden. Gleichzeitig ist China das Gegenmodell einer freien Gesellschaft. China ist ein sozialistischer, autoritärer Überwachungsstaat. Das Politbüro legt hinter verschlossenen Türen fest, wohin die Richtung gehen soll. Dem wird alles untergeordnet, was im Extremfall Millionen von Menschen das Leben kosten kann. Wer sich dem nicht unterwirft oder sich gar erdreistet, sich kritisch zu äussern, wird zum Schweigen gebracht. Oder schlimmer. Fragen Sie mal Jack Ma oder Tibeter und Uiguren.
Die Anmassung von Wissen, die einem solchen System stets zu Grunde liegt, führt über kurz oder lang zu wirtschaftlichem Versagen. Die staatlich vorgegebene Entwicklung der Wirtschaft führt beispielsweise regelmässig zu industriellen Überkapazitäten. Das musste 2007 der damalige chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao auf dem nationalen Volkskongress einräumen. Weil der Staat das Ziel vorgegeben hat, wird produziert, auch wenn die Nachfrage längst befriedigt ist oder sich herausstellt, dass die technologische Entwicklung in eine ganz andere Richtung geht. Die Liste gescheiterter Industriepolitik ist entsprechend lang – auch in der Schweiz.
Überproduzierte Produkte billig zu exportieren ist nicht nachhaltig
China löst dies derzeit, indem überproduzierte Produkte zu billigen Preisen in andere Länder, auch zu uns, exportiert werden. Was wiederum kritisch ist für unsere Wirtschaft und daher nachvollziehbare Abwehrreaktionen auslöst. Das ist kein nachhaltiges Wirtschaftsmodell. Besser für alle wäre es gewesen, die Ressourcen so einzusetzen, dass tatsächliche Bedürfnisse der Menschen erfüllt werden, was zu mehr Wohlstand geführt hätte.
Ich unterstelle, das ist mir wichtig zu betonen, den Podiumsteilnehmern keine Sympathien für autoritäre Systeme. Kern der geäusserten Bewunderung dürfte vielmehr das Hadern mit unseren teils langwierigen politischen Prozessen sein. Und ja, bei uns geht es, sobald die Politik im Spiel ist, manchmal ziemlich lange, bis etwas umgesetzt wird oder Gesetze angepasst werden. Es gäbe da durchaus Potenzial, Prozesse schneller und effizienter zu gestalten.
Mehr Demut wäre angebracht
Doch unsere demokratischen Verfahren und unsere liberale Wirtschaftsordnung haben einen grossen Wert: Sie binden verschiedene Strömungen und Ansichten in die Entscheidfindung mit ein. Und orientieren sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung. Nicht denjenigen, welche die politische Elite zu kennen meint. Etwas mehr Demut wäre hier angebracht.
Lassen wir daher die Fünfjahrespläne lieber sein und arbeiten wir daran, die Rahmenbedingungen so zu definieren, dass sich die Wirtschaft frei und im Interesse von uns allen weiterentwickeln kann.


